Der Mieterstrom ist ein innovatives Konzept, das es Mietern ermöglicht, von der Nutzung erneuerbarer Energien direkt zu profitieren. In einem Berliner Mietshaus, das in den Achtzigern erbaut wurde, erzeugt eine Photovoltaikanlage auf dem Dach seit einigen Monaten eigenen Strom. Der Hausbesitzer verkauft diesen Strom an die Mieter zu einem Preis, der deutlich unter dem lokalen Netzstromangebot liegt. Für die Familie im zweiten Stock bedeutet das: weniger Kosten auf der Jahresabrechnung, ohne dass sie selbst investieren oder finanzieren muss. Dieses Modell könnte einer der unterschätztesten Bausteine der deutschen Energiewende sein, wenn es denn in die Breite kommt.
Mieterstrom: Ein ungenutztes Potenzial
Trotz jahrelanger politischer Förderung steckt Mieterstrom noch immer in den Kinderschuhen. Im Mai 2025 waren bei der Bundesnetzagentur lediglich 5.434 Mieterstromanlagen registriert – eine geringe Zahl im Vergleich zu über drei Millionen gemeldeten Photovoltaikanlagen insgesamt, wie das Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) in einer Analyse vom Oktober 2025 festhält. Während der PV-Ausbau in den Jahren 2023 und 2024 auf über 15 Gigawatt pro Jahr stieg, bleibt der Ausbau in Mehrfamilienhäusern weitgehend außen vor.
Die Herausforderungen des Mieterstroms
Das Potenzial für Mieterstrom ist enorm. Laut der IW-Köln/Ariadne-Analyse könnten bis zu 20,4 Millionen Wohnungen in rund drei Millionen Mehrfamilienhäusern technisch mit Mieterstrom versorgt werden. Dies würde einem möglichen Photovoltaik-Zubau von bis zu 60,4 Gigawatt entsprechen, was rund 28 Prozent des gesamten deutschen PV-Ausbauziels bis 2030 ausmacht. Dennoch bleibt diese Ressource weitgehend ungenutzt, was weniger an der Technik als an regulatorischen Komplexitäten und wirtschaftlicher Unsicherheit liegt.
In diesem Zusammenhang lohnt sich auch ein Blick auf diesen Artikel zum Thema: Photovoltaik Mieterstrom Modell erklärt.
Ein Hauseigentümer, der darüber nachdenkt, das Dach seines Mehrfamilienhauses mit Solarmodulen zu belegen, sieht sich einem Geflecht aus Zuständigkeiten, Anmeldepflichten und Vertragsobliegenheiten gegenüber, das selbst erfahrene Juristen ins Schwitzen bringt. Er wird zum Energieversorger mit allen damit verbundenen Pflichten: Abrechnung, Grundversorgungspflicht und Meldung bei der Bundesnetzagentur. Das Mieterstromgesetz, das 2017 eingeführt wurde, wurde mehrfach nachgebessert. Das EEG 2023 befreite Mieterstrom vollständig von der EEG-Umlage und hob die Grenze für förderberechtigte Anlagen auf bis zu einem Megawatt an. Mit dem Solarpaket I, das im Mai 2024 in Kraft trat, wurden Mieterstrommodelle zudem auf Nicht-Wohngebäude ausgeweitet. Dennoch zeigt die geringe Zahl registrierter Anlagen, dass die Vereinfachungen bislang nicht ausreichen.
Die wirtschaftlichen Argumente für Mieterstrom sind vorhanden. Die IW-Köln/Ariadne-Analyse errechnete für ein Basis-Szenario eine interne Verzinsung von rund 3,6 Prozent für Vermieter, die Mieterstromanlagen betreiben. Dies ist keine Traumrendite, aber für langfristig orientierte Immobilieneigentümer eine solide Ergänzung zum Mietertrag. Der staatliche Mieterstromzuschlag kann das wirtschaftliche Bild zusätzlich aufhellen. Für die Mieter ist das Modell in der Regel günstiger als der herkömmliche Netzstrombezug, da der Mieterstromtarif per Gesetz maximal 90 Prozent des lokalen Grundversorgungspreises betragen darf. Dies bedeutet eine garantierte Ersparnis für die Bewohner, insbesondere für einkommensschwächere Haushalte, die sich kein Eigenheim leisten können.
Was Mieterstrom in Deutschland benötigt, ist weniger ein weiteres Förderprogramm als eine strukturelle Vereinfachung. Die Ariadne-Analysten empfehlen, die seit 2024 existierenden Regelungsmodelle in einem einheitlichen, niedrigschwelligen Rechtsrahmen zusammenzuführen. Zudem sollten Anreize zur aktiven Beteiligung der Hausbewohner gestärkt werden, etwa durch transparentere Abrechnungsmodelle und erleichterte Messtechnik. Gelingt diese Vereinfachung, könnten deutlich mehr Projekte den Sprung von der Planung in die Umsetzung schaffen. Das Potenzial ist unbestreitbar vorhanden – es liegt buchstäblich auf den Dächern. Die Frage ist nur, wann die Politik bereit ist, den letzten bürokratischen Riegel zu schieben, damit aus den stillen Dächern über Millionen Mieterwohnungen die Kraftwerke der Energiewende werden.
Häufig gestellte Fragen
Was ist Mieterstrom?
Mieterstrom bezeichnet die Nutzung von Solarstrom in Mehrfamilienhäusern, bei dem Hausbesitzer den erzeugten Strom direkt an die Mieter verkaufen.
Wie funktioniert Mieterstrom?
Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach erzeugt Strom, der dann zu einem günstigeren Tarif an die Mieter verkauft wird, wodurch diese von niedrigeren Energiekosten profitieren.
Welche Vorteile hat Mieterstrom für Mieter?
Mieter profitieren von niedrigeren Stromkosten und einer garantierten Ersparnis im Vergleich zum lokalen Netzstromangebot.
Warum ist Mieterstrom noch nicht weit verbreitet?
Die geringe Verbreitung liegt an regulatorischen Hürden und wirtschaftlichen Unsicherheiten, die Hauseigentümer davon abhalten, Mieterstromanlagen zu installieren.
Wie kann die Politik Mieterstrom fördern?
Die Politik könnte durch strukturelle Vereinfachungen und Anreize zur Beteiligung der Hausbewohner die Umsetzung von Mieterstromprojekten erleichtern.
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